Zum Skizzieren in der Ausbildung für Konstruktion und Design

Das Skizzieren im Bereich des ästhetisch, künstlerischen Entwerfens wichtig ist, ist bekannt, auch wenn es leider nicht mehr omnispräsent ist und in der Ausbildung durch die Fokusierung auf das Werkzeug Computer seinen Stellenwert scheinbar verloren hat. Für das Entwerfen der Ingenieure (vulgo Konstruieren) und der 3D–Designern gilt dies jedoch nicht: hier fristet das Skizzieren eher ein Schattendasein und wird minder bewertet. Daher ist die Arbeit von Dr. Martina Schütze mehr als bemwerkenswert. Titel der Dissertation:

Die frühen Phasen des konstruktiven Entwerfens – Unterstützungspotential verschiedenartiger Arbeitsmittel

In Ihrer Dissertation bei Winfried Hacker und Johannes Uhlmann, sowie zwei vorangehenden Publikationen legt sie detailliert und durch wissenschaftliche Studien belegt dar, wie wichtig das Skizzieren in Ausbildung und Ausübung der Tätigkeit des konstruktiven Entwerfens ist. Sie belegt dies an Hand von vergleichenden Studien, welche sowohl die Qualität, als auch die Geschwindigkeit der Lösungen in Betracht zieht.

„In den frühen Entwurfsabschnitten wird das Unterstützungspotential der Skizziertätigkeit mit einem klassischen und einem digitalen Arbeitsmittel im Vergleich zum rechnergestützten Entwerfen experimentell geprüft. Bei letzterem zeigen sich starke qualitative und quantitative Leistungseinbußen; die Vorgehens– und Erlebensmerkmale stimmen damit inhaltlich überein und liefern Erklärungsansätze für diese Unterschiede.“,

so die Kurzzusammenfassung ihres Artikels „Unterstützungspotential verschiedenartiger Arbeitsmittel für die frühen Phasen des konstruktiven Entwerfens“

Die hohe Qualität des Beitrags zeigt sich auch durch die Auszeichnung als Best Paper Award – Wissenschaft 2005 der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft. >>

Zum Skizzieren in der Ausbildung

Hierzu schreibt sie in der Zusammenfassung (des Artikels):

Schlussfolgerungen betreffen zum ersten die Ausbildung in der Produktentwicklung. […] Um der dargestellten Problematik der CAD-Nutzung in den frühen Entwurfsabschnitten beizukommen, sollte gerade in der universitären Ausbildung der Trennung des Einübens von CAD-Bedienroutinen und dem Erlernen des Entwerfens selbst im Sinne eines hybriden Vorgehens (Henderson 1999) entscheidende Bedeutung beigemessen werden.

Durch das rechnergestützte Entwerfen werden verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten des motorischen Systems – etwa das „denkende Tun der Hände“ (Jaspers 1983, 359) – in den kreativitätsintensiven frühen Entwurfsphasen kaum noch in Anspruch genommen. Da Freihandzeichnungen und Skizzen als wesentliches Hilfsmittel z. B. bei der Lösungsfindung sowie der Kommunikation und Kooperation mit Kollegen, Vorgesetzten und Auftraggebern weiterhin eine bedeutende Rolle spielen werden, besteht dadurch die Gefahr eines Qualifikationsverlusts (Frieling & Hilbig 1990).
Konventionelle „handwerkliche“ Fertigkeiten, wie das Skizzieren und Zeichnen auf verschiedenen Abstraktionsebenen, sollten von allen entsprechenden Studierenden beherrscht werden, […] 
Die entscheidende Bedeutung ausreichender Skizzierfertigkeiten lässt sich vor allem durch die Auswirkungen mangelnder Skizzierfertigkeiten belegen: „Drawing skill is a limiting factor” (Stacey et al. 1999, 925). […]
Diesen Sachverhalten müsste in der Ausbildung durch ein spezielles, systematisches Zeichentraining Rechnung getragen werden (Dylla 1990; Viebahn 1993).“

Zitat Ende

Für mich ist diese Untersuchung von hoher Bedeutung, da in Ausschreibungen und Curricula der letzten Jahre offensichtlich zu sehr die Werkzeugbeherrschung (Computer) im Vordergrund stand. Gerade im Industriedesign und Designengineering sollte demnach jedoch verstärkt auf die Handlungskompetenz des Skizzierens (flüssiges Zeichenhandeln) Wert gelegt und dieses nicht in (künstlerische) Zeichenkurse ausgelagert werden. Noch gefährlicher ist jedoch das Skizzieren und freie Zeichnen den Studierenden ganz frei zu stellen, wie es insbesondere an privaten Hochschulen wie der Macromedia Hochschule geschieht. Für das Entwerfen im 2D–, multimedialen und bildnerischen Bereich sind die Ergebnisse sicher übertragbar.

Literaturangaben:

Die frühen Phasen des konstruktiven Entwerfens [Elektronische Ressource] : Unterstützungspotential verschiedenartiger Arbeitsmittel /  Martina Schütze; Dresden, Techn. Univ., Diss., 2003; >>
Download der Vollversion >>
Erläuterungen der Dissertation mit Kurzbeschreibungen >>

„Unterstützungspotential verschiedenartiger Arbeitsmittel für die frühen Phasen des konstruktiven Entwerfens“ (Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, Ausgabe I/2004)
Autoren: Martina Schütze
Schlüsselwörter: Konstruieren · Entwerfendes Problemlösen · Freihandskizzieren · Graphiktablett · CAD
Zusammenfassung: In den frühen Entwurfsabschnitten wird das Unterstützungs-potential der Skizziertätigkeit mit einem klassischen und einem digitalen Arbeitsmittel im Vergleich zum rechnergestützten Entwerfen experimentell geprüft. Bei letzterem zeigen sich starke qualitative und quantitative Leistungseinbußen; die Vorgehens- und Erlebensmerkmale stimmen damit inhaltlich überein und liefern Erklärungsansätze für diese Unterschiede. Praktische Relevanz Graphiktabletts erscheinen als hervorragendes Mittel für eine Unterstützung des Entwerfens durch klassische und digitale Arbeitsmittel im Sinne eines interaktiven und integrierten Kommunikationsverbandes und bergen eventuell ein großes Potenzial hinsichtlich wettbewerbsentscheidender Zeit– und Kosteneinsparungen sowie markterschließender Innovationen für den Produktentwicklungsprozess.
Edit 2017: der Artikel ist nicht mehr im Archiv der Zeitschrift aufzufinden, aber 2010 erneut erschienen:

Unterstützungspotential verschiedenartiger Arbeitsmittel für die frühen Phasen des konstruktiven Entwerfens
Band 271 von Aus der Reihe: Beiträge aus der Zeitschrift für Arbeitswissenschaft
Martina Schütze
GRIN Verlag, 2010
ISBN 3640711041
>> Link zu Googlebooks

„Unterstützungswert des Skizzierens im Entwurfsprozess“ (Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, Ausgabe 4/2001)
Autoren: Martina Schütze, Pierre Sachse, Anne Römer
Schlüsselworte: Entwerfendes Problemlösen, Prozess des Skizzierens
Zusammenfassung: Der Unterstützungswert der Skizziertätigkeit in den frühen Phasen des konstruktiven Entwurfsprozesses wird in einer Laborstudie experimentell überprüft und an einem Fallbeispiel näher beleuchtet. Es lassen sich positive Auswirkungen auf die Güte der konstruktiven Lösung und auf subjektive Aspekte beobachten.
Edit 2017: der Artikel ist nicht mehr im Archiv der Zeitschrift aufzufinden, aber 2010 erneut erschienen:

Unterstützungswert des Skizzierens im Entwurfsprozess
Band 172 von Aus der Reihe: Beiträge aus der Zeitschrift für Arbeitswissenschaft
Martina Schütze, Pierre Sachse, Anne Römer
GRIN Verlag, 2010
ISBN 3640701631
>> Link zu Googlebooks

Philip Zerweck

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Autor, Produktentwickler, Designlehrer und Designwissenschaftler

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