Ungelernte Lehrende

In ihrem Beitrag „Ungelernte Lehrende“ in der Süddeutschen vom 4. September 2014 beschreibt Karin Janker die aktuelle Ausbildungssituation der Hochschullehrenden hinsichtlich der Befähigung zur Hochschullehre. Dies ist insofern auch im Rahmen der Designdidaktik, einem didaktisch betrachtet traditionell nahezu rein autodidaktisch verstandenen Bereich, von Interesse, da es aufzeigt, dass dies eben nicht nur in den Gestaltungsfächern einen zumindest besprechenswerten Umstand darstellt.

„Ungelernte Lehrende“: Gedanken zur Ausbildung der Hochschullehrenden

Handelt es sich wie im Bereich etwa der Naturwissenschaften um „harte“ faktenbasierte Inhalte, bleibt als Lernzielkontrolle ja noch der Abgleich zwischen Aufgabenstellung und jederzeit belegbarer Ergebniskontrolle. Wenn der Lehrende dies dann auch noch didaktisch gut aufbereitet ist es gut, wenn er sich jedoch im Frontalunterricht mit dem Verweis auf die Lektüre bescheidet, so bleibt auf jeden Fall noch die Möglichkeit zur Selbstlehre durch die Studierenden. Die Ergebnisse sind ja überprüfbar. Und dennoch wird in den Bereichen ausserhalb der sog. künstlerischen Bereiche seit Jahren zunehmend stärker und sich fortwährend professionalisierender an einer Befähigung der Hochschullehrer gearbeitet. Mit dem sich dadurch schärfenden Blick werden dort Defizite identifiziert, Institute eingerichtet, Programme aufgelegt. Defizite, die andernorts wie in der Gestaltung allenfalls als unterbewusstes Grummeln, als individuelle Zugangsprobleme einzelner Protagonisten offenbar werden. Aber, und deswegen finde ich Beiträge wie den von Frau Janker aus Sicht der Designdidaktik für lesenswert, in einem Bereich der mental fast ausschließlich auf der sich selbst findenden persönlichen Konstellation Lehrer- und Schülerpersönlichkeit, also im weitesten Sinne dem Klassenmodell fußt, ist die Frage nach der Befähigung zur Lehre doch umso entscheidender. Ist diese Lehrsituation doch qua Definition eine intimere und das größte Wissen obsolet, wenn der Wissende es nicht weiterzugeben vermag. Jedoch wird hier wie in den nichtgestalerischen Disziplinen eben genau das bei der Berufung nicht berücksichtigt. Im Fokus steht das gestalterische Äquivalent der Forschungsergebnisse, wie sie bei Berufungen in den Geistes- und Naturwissenschaften ausschlaggebend sind, nicht jedoch die Befähigung zur Lehre. Nur: aus Sicht der Gestaltung ist dieses Äquivalent, diese bisherige gestalterische Lebensleistung, perfider Weise weder objektiv messbar noch hinreichend relevant. Gestaltungsgüte ist eben nicht messbar, sondern nur punktuell und persönlich-kulturell konnotiert empfindbar. Und gesichert relevant sind die Erfolge der Vergangenheit für Gestalter allenfalls im Bereich der Kunst- und Kulturgeschichte. Gestaltung bedeutet Lösungen für zukünftige Situationen zu definieren, was nicht gelingt, wenn man diese mit den erfolgreich begriffenen Antworten der Vergangenheit belegt. Zumal die Definition dessen was wir in der Vergangeheit als gute Gestaltungslösuing begreifen einem ebenso beständigen Wechsel unterwrfen ist, wie unser Empfinden was wir gegenwärtig für die Zukunft als wünschenswert erachten. Daher verweisen nicht wenige Gestalter Generation um Generation darauf, wie wichtig es sei die Fesseln der kulturellen Herkunft abzuwerfen, um wahrhaft neues zu schaffen. Sie fordern den befreiten, unverstellten Blick. Und genau deswegen ist logischerweise das Portfolio in der Berfung allenfalls ein situatives Indiz aber kann keinesfalls eine bestimmende Grundlage sein. Man kann über dies Punkte trefflich und lange streiten. Wichtig aus meiner Sicht für die Suche nach geeignetem Lehrpersonal ist: in einem hochdiskursiven Bereich braucht es eher Persönlichkeiten, die bereit sind zu diskutieren denn solche die vermeintliche Wahrheiten postulieren. Persönlichkeiten, die ihren eigenen gestalterischen Standpunkt und individuell als wahr erkannten Wissensstand als eben ihren eigenen begreifen, nicht aber diesen als Maßlatte für die Studierenden verwenden. Verhandeln und sensibilisieren statt dozieren und kontrollieren. Ein großer Unterschied etwa im Vergleich zu den Professoren in den allermeisten Naturwissenschaften.

Die Berufung in den künstlerischen Bereichen geriert jedoch zu einer kollektiven Bauchentscheidung und gelegentlich sicherlich auch Dünkelwahl, was nicht per se schlecht sein muss. Au contraire: wenn ein Kreis der für sich eine kollektive Vorstellung von Qualität entwickelt hat eine Dünkelwahl durchführt ist dies nicht schlecht sondern im Sinne von deren Qualitätsvorstellung natürlich qualitätsfestigend. Jedoch wäre es an der Zeit angesichts einer sich rapide verändernden Lehr- und Lernsituation an den Gestaltungshochschulen, dass man sich a.) damit beschäftigt, was eigentlich das eigene der Disziplin sei und die Bestallungsriten entsprechend ausrichtet. Nur ein Beispiel: Was etwa nützt eine Probevorlesung? Sie wurde offensichtlich gedankenlos von den Berufungsverfahren anderer Fächer übernommen, die dies ihrer Lehrwirklichkeit entnommen haben. In der angewandten Gestaltungslehre gibt es jedoch kaum Vorlesungen. Der Unterricht erfolgt idR seminaristisch. Die Probevorlesung ist im Leben des Gestaltungsprofessors daher oft die erste und sicherlich eine der letzten Vorlesungen in seinem akademischen Leben. Wir können getrost festhalten: die Berufung der Lehrenden ist zu weiten Teilen aus der Lebenswirklichkeit anderer Disziplinen entlehnt. Sie ereignet sich im Bezug auf die Lehre realitätsfern, auf Basis schwer bis nicht verhandelbarer Kriterien und daher oft notgedrungen als Folge eines verschobenen Fokusses, etwa dem des bisherigen Kundenportfolios oder des subjektiven Bauchgefühles getroffen. Jeder der etwa 75 Berufungsprozesse pro Jahr im Designbereich ist also systemisch betrachtet ein Manifest der Gedanken- zumindest aber Ratlosigkeit im Umgang mit der eigenen Disziplin. Man macht es halt, weil es eben so macht. Dabei ist eigentlich jede Berufung Anlass für jede Fakultät sich zu besinnen und zumindest für sich Lehre neu zu definieren. Die ephemere Dichte und lichte Präsenz der Diskussion um eine Didaktik des Design nehme ich mal als beredtes Indiz, das dies genau nicht passiert. Oder falls doch nicht für wert befunden wird weiters dokumentiert oder gar kommuniziert zu werden. Etwas das, falls dem so ist, im übrigen ein ebenso gewaltiges wie sinnlos verschenktes Potential hinsichtlich der eigenen Positionierung und positiven Abgrenzung im Wettbewerb der Gestaltungseinrichtungen wäre. Es wird aber in Deutschland nicht wahrnehmbar über Gestaltungslehre diskutiert. Wiewohl sich zeitgleich die Gestaltungsräume, -zielsetzungen und -mittel im Auge des Sturmes einer voll entfachten industriellen Revolution explosionsartig verändern, durchmischen, zersetzen, wieder errichten oder gänzlich neu entstehen. Und die Lehre der Gestaltung? Sie ereignet sich offensichtlich einfach. Wie kann das sein? Warum ist das Ringen um Lehrkonzepte in einem Bereich in dem die Verbindung von Lehrer zu Lernendem geradezu mystisch als DIE einzige und alles tragende Säule verklärt wird offensichtlich ein Tabu? Eine beim Versuch einer objektiveren von aussen gemachten Betrachtung sehr bittere und in Anbetracht des Mangels von alternativen Deutungen fast zwingende Erklärung wäre zugleich die, die ich als Hochschullehrer nicht akzeptieren mag aber eben auch nicht allgemeingütlig widerlegen kann: Die Professur in der Gestaltung ist primär nicht auf die Lehre und den Lernenden sondern auf den Lehrenden ausgerichtet. Es geht in dieser Deutung primär um das positive Lebensmodell der Professoren und nicht um die Qualität der Lehre. Auch wenn ich weiß, dass viele Kollegen ernsthaft um eine qualitative Lehre ringen, möchte ich diese bewusst bösartige These von der professorenzentrierten Ausrichtung gerne in den Raum stellen. Vielleicht schafft die Empörung, wozu der akademische Alltag offensichtlich keinen Raum lässt. Schafft, dass man sich über Art und Inhalt dessen unterhält, was man im Smalltalk routinemäßig eine gute Lehre nennt, natürlich ohne dies je ernsthafter als über ein kollegial verständiges Kopfnicken hinaus zu beziffern. Hochschule ist jedenfalls kein Versorgungswerk für einzelne Professoren mit als qualifizierend erkannter Vergangenheit sondern ein Labor einer besseren Zukunft der Gesellschaft. Dieses Labor braucht qualifiziertes Lehrpersonal ebenso wie es Lehrkonzepte braucht und sei es um sich daran abzuarbeiten oder diese zu überkommen.
Gedanken in Folge des Artikels „Ungelernte Lehrende“ von Karin Junker in der Süddeutschen Zeitung vom 4. September 2014.
Link zum Artikel (erschienen am 4. September 2014, letzter Aufruf am 6. Januar 2015)

Guido Kühn

2001-2013 Professur AV Mediendesign an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Hall | 2011-2016 Dozent für Designtheorie und Praxis, AV Medienkommunikation und Social Media Management an der Hochschule Heilbronn | Seit 2015 Professur Cross Media Design an der SRH Hochschule Heidelberg | mit Philip Zerweck Gründer von Plattform und DGTF Themengruppe Designdidaktik. de

More Posts - Website

Guido Kühn

2001-2013 Professur AV Mediendesign an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Hall | 2011-2016 Dozent für Designtheorie und Praxis, AV Medienkommunikation und Social Media Management an der Hochschule Heilbronn | Seit 2015 Professur Cross Media Design an der SRH Hochschule Heidelberg | mit Philip Zerweck Gründer von Plattform und DGTF Themengruppe Designdidaktik. de

Schreibe einen Kommentar