Hürden der Designdidaktik

Bei der Frage nach einer Didaktik des Design und dem Diskurs um deren möglicher Ausgestaltung ist meiner Meinung nach eine Hürde die Polarität dessen, womit wir es inhaltlich zu tun haben.

Betrachten wir beispielsweise die Didaktik der Mathematik dann haben wir im Mittelpunkt die Mathematik als eine pluralistische aber in sich aufeinander aufbauende Entität. Von der elementaren Mathematik über die höhere Mathematik bis hin zur experimentellen und forschenden Mathematik fußen alle Lehrbereich auf dem selben Zugang und Codex. Daher lässt sich die Didaktik der Mathematik in einer Grafik geschlossen darstellen. Im Zentrum steht die geschlossene Disziplin. Diese bedient sich hinsichtlich ihrer Lehre bei Hilfsdisziplinen und fußt/mündet auf/in einer Didaktik.
400px-Madi2Bild: Wikipedia, Marianne Birkholz Verwendung gem CC Freigabe

Betrachten wir vergleichend das Design so müssen wir es als pluralistische Entität von solitären Teilbereichen begreifen. Es gibt ihn nicht, den einen übergreifenden Zugang oder Codex. Vielmehr hat jeder Teilbereich hat seine eigenen Zugänge und Codizes, zum Teil sogar die unterteilbereiche.

Im Design können wir aktuell in den Lehrplänen wenigstens zwei wesentliche Beschäftigungsfelder der Designlehre identifizieren. Das Handwerk und die Entwurfslehre ergeben einen verbindenden Zweiklang von eigenständigen, methodisch sogar wiederstrebenden Elementen. Von dem das universal methodische und das streng situativ auf die Gegenwart gerichtete anarchisch-künstlerische in sich verbindenden Handwerk, über das stets um Form und Struktur ringende lebenswissenschaftliche des auf die Zukunft gerichteten des Entwurfes bis zur zu dem ordnungsverliebt nach zeitunabhängig-universaler Systematisierung trachtenden der Reflexion.

Betrachten wir die Bereiche im Einzelnen.

Handwerk.
Ich betrachte das handwerkliche das im künstlerischen Sinne als das disziplinbegründende des Design. Im Handwerk treffen sich die aus der Anwendung der jeweiligen Technologie ergebende Notwendigkeit zur methodischen Disziplin und das Ideal des sich hieraus befreienden, diesen erweiterenden und überkommenden Umganges. Der methodische Zwang als Grundlage, welche diesen genau dann als überkommen betrachtet, wenn man diesen nicht mehr als Zwang fühlend auf Basis intuitiver Beherrschung spielerisch in eine freie Expression zu überführen im Stande ist. Irgendwann kämpft man eben nicht mehr um den Strich, sondern verleiht seiner Intuition über den Strich fließenden Ausdruck. Dieser innere Konflikt, das vor der kreativen Entfaltung und Überwindung der Grenzen zunächst die vollständige Unterwerfung unter eben jene steht, lässt uns aus Sicht der Didaktik alle Teilelemente des handwerklichen Bereiches von Design vom Zeichnen bis zur Programmierung einheitlich betrachten. Sie alle lassen sich dadurch charakterisieren, dass sie in der Lehre normativ durch eine anleitende Beispielgabe und libertär durch selbstbestimmte Beschäftigung vermittelbar sind. Wobei das normative und das libertäre in einer unaufhebbaren Wechselwirkung und festgelegter Abfolge zueinander stehen. Erst muss die Technik bekannt und in Folge erlernt werden, dann kommt der Ausdruck, der wiederum zu einer besseren Durchdringung und Beherrschung der Technik führt, was wiederum größere Möglichkeiten im Ausdruck und damit eine Erweiterung des Handwerks ermöglicht. Die selbstbestimmte und in der Regel selbstzentrierte Beschäftigung ist hierbei einer, wenn nicht der Schlüssel zu höheren Weihen. Es reicht nicht, zu wissen, wie man zeichnet. Ein herausragender Zeichner wird man nur und ausschließlich durch eine intensive und oft isolierte Beschäftigung über einen langen Zeitraum. Handwerkliches Wissen ist immer die Kombination von übertragbaren Anteilen und individueller Erfahrung und vergeht in einem wesentlichen Teil mit dem Tod des Protagonisten.
Diese Kombination persönlicher und übertragbarer Anteile ist begründend für die Zugangsbeschränkung des Design in Praxis und Lehre. Was wir mit Talent umschreiben ist nichts weiter als die individuell unterschiedliche individuelle Prädisposition vergleichbar mit der grundlegend erfolgsbestimmenden physischen Konstitution des Sportlers. Das handwerklich- künstlerische setzt den routinierten Umgang des individuell unterschiedlich geeigneten voraus.

Entwurf
Ich betrachte den Entwurf als das im wissenschaftlichen Sinne disziplinbegründende Element des Design. Ein Entwurf ist das auf die Zukunft gerichtete abstrakte gedankliche Grundgerüst für eine dingliche oft handwerkliche Umsetzung. Der Akt des Entwerfens kann sowohl individuell als auch in der sozialen Interaktion oder gemeinschaftlich erfolgen. Er kann sich sowohl unreflektiert im Affekt als auch methodisch strukturiert ereignen. Der Entwurf kennt das Phänomen erst als solcher erkannt zu werden, wenn er sich ereignet hat. Der Entwurf ist also beides: methodisch planerisch und erratisch suchend und findend. Folgerichtig ruht die Didaktik im Bereich des Entwurfes in einem weiten Bereich auf dem erkenntnisorientierten Diskurs vergangener, gegenwärtiger, und zukünftiger Gestaltungsaufgaben. Der Akt des Entwurf selbst ist mehrheitlich ein sozialer Prozess während das künstlerische mehrheitlich ein persönlicher ist. Die Beschäftigung der Entwurfslehre mit von als in der Vergangenheit erfolgreich erprobter und Erprobung neuer Entwurfsmethoden erfolgt entlang den charakteristischen eigenheiten des entwurfes an sich. So ist der Entwurf ist als Akt zwar willentlich analogisierbar aber weder im Ergebnis noch als Weg 1:1 übertragbar. Da der Entwurf also nur erprobte Verfahren aber keine Rezepte kennt, bedarf auch die Vermittlung in großen Teilen erkenntnisorientierte Anteile auch in den Fällen da sie normativ erfolgt. Der Entwurf wie auch seine Lehre kann also ganz oder zumindest in wesentlichen Teilen als erkenntnistheoretischer Diskurs begriffen werden. Als solcher kann er durchaus methodisch trainiert und damit routiniert durchgeführt aber grundsätzlich eben auch ohne jedes Vorwissen spontan und in beliebiger Tiefe erfolgen. Und er tut es. Das Entwerfen ist gehört zu den charakterischen Grundfähigkeiten jedes Menschen.

Zusammenfassend sehe ich also eine Didaktik des Design mit der Herausforderung der Beschäftigung mit im wesentlichen zwei unterschiedlichen Lehrbereichen konfrontiert: Dem handwerklich/künstlerischen und der Entwurfslehre. Diese beiden Bereiche sind hinsichtlich Beschäftigung und Übertragbarkeit deutlich verschieden. Wenn wir also über eine Didaktik des Design reden, dann müssen wir trennen zwischen einer Didaktik des handwerklich/künstlerischen und einer Didaktik des Entwurfes.

Die oben für die Didaktik der Mathematik beispielhaft für das Gros der Didaktiken verwendete Grafik sähe also im Bezug auf eine Didaktik des Design so aus:
ddBild: Guido Kühn

Guido Kühn

2001-2013 Professur AV Mediendesign an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Hall | 2011-2016 Dozent für Designtheorie und Praxis, AV Medienkommunikation und Social Media Management an der Hochschule Heilbronn | Seit 2015 Professur Cross Media Design an der SRH Hochschule Heidelberg | mit Philip Zerweck Gründer von Plattform und DGTF Themengruppe Designdidaktik. de

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2001-2013 Professur AV Mediendesign an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Hall | 2011-2016 Dozent für Designtheorie und Praxis, AV Medienkommunikation und Social Media Management an der Hochschule Heilbronn | Seit 2015 Professur Cross Media Design an der SRH Hochschule Heidelberg | mit Philip Zerweck Gründer von Plattform und DGTF Themengruppe Designdidaktik. de

Ein Gedanke zu „Hürden der Designdidaktik

  • 12. Februar 2015 um 14:46
    Permalink

    Eigentlich kann man in dem gezeigten Modell keine „Polarität“ erkennen. Einiges zeichnet sich jetzt schon durch die Auslagerung von „Skill tracks“ in den Curricula ab.

    Aus den Erziehungswissenschaften blickt man viel begeisterter auf die Entwurfslehre und übernimmt Designprozesse als prototypische Lernprozesse.
    Ich denke, der Knoten besteht in dem Elite-Paradigma „Guter Designer = Guter Lehrer = formal gute Ergebnisse“. Dass sich die Berufswelt und der Horizont des Designschaffens mittlerweile sehr stark verändert hat, macht vieles einfacher.
    Projekt- und Entwurfslehre nach Prozessqualität und Self-Assessments zu evaluieren und nicht nur am formal gelungenen Objekt, macht gute Design-Lehre aus. Ich denke da wird es gemäß dem britischen Modell auch einen starken Generationswechsel geben.

    Übrigens leistet da auch Überlastung der Entwicklung einen Vorschub: Wir haben so viele Studierende, dass Lehrende sich didaktisch weiterbilden müssen, sonst gibt es gar keine Chance praxisbasierte Entwurfslehre überhaupt durchzuführen.
    An der HTW Berlin entsteht gerade ein Labor, dass die Design-Lehre forschend in den Blick nimmt.

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