Leseliste Q4/2016

Literatur-, Web- und Pressefunde

Ich möchte diesmal mit einem besonderen Artikel beginnen. Nach meinen Vortrag „Zukunft der Designausbildung: Eine Standortbestimmung durch zeitliche, räumliche, disziplinäre und organisatorische Vergleiche“ auf der Edulab-Konferenz an der HTW Berlin, in dem es ebenfalls um den Stand der deutschen Hochschullandschaft (u.a. im internationalen Vergleich) ging, spricht mir dieser besondere Artikel aus der Seele, aber einer ob der Wahheit sehr getrübten:

  • Universitäten in Deutschland: HALLO, HÖRST DU MICH? von Yascha Mounk
    Der Harvard-Dozent Yascha Mounk reiste für uns an sieben deutsche Unis. Was er dort fand: Schnarchende Studenten, gelangweilte Professoren – und einige gute Ideen.

    „Gut zusammengefasst haben Sie die Fachliteratur ja“, sagte mir meine Tutorin in meiner ersten Unterrichtsstunde in Cambridge, als ich gerade frisch aus Deutschland angekommen war. „Aber was ist denn bitte Ihre eigene Meinung zu dem Thema?“ – „Meine eigene Meinung?“, fragte ich verdattert. – „Geschichte können Sie nur verstehen, wenn Sie sich eine eigene Meinung bilden. Also: Versuchen Sie für nächste Woche mal, ein klares Argument zu formulieren. Und machen Sie sich keine Sorgen, falls Sie nicht mit mir übereinstimmen!“
    Die ersten Wochen in England waren für mich ein Schock. Aus der Schule war ich gewohnt, Fakten brav auswendig zu lernen und diese möglichst konventionell wiederzukäuen. … In den vielen Hörsälen, die ich auf meiner Reise besuchte, fühlte ich mich in die Schulzeit zurückversetzt.


    so nimmt Harvard den Bildungsauftrag des hierzulande so gern zitierten Wilhelm von Humboldt doch viel ernster, als es die meisten deutschen Universitäten tun. Die Bildung, schrieb Humboldt, „bedeutet die Anregung aller Kräfte eines Menschen“. Diesem Anspruch vollkommen zu genügen, das vermag keine Universität der Welt. Doch dass es die meisten Universitäten in Deutschland gar nicht erst versuchen, das müsste – und könnte – sich ändern.
    Pflichtlektüre. Period.
    veröffentlicht in DIE ZEIT Nr. 44/2016, 20. Oktober 2016
    >> Artikel auf ZON

weitere Funde im 4. Quartal 2016:

  • Berufswahl: Wir wählen, was wir kennen Gastbeitrag von Jochen Mai
    Bei der Berufswahl sind wir selten frei. Latente Neigungen, vermittelt von Familie und Schule, entscheiden mit. Warum es sich lohnt, etwas Uninteressantes zu machen.
    Knapper Artikel über die Ausbildungswahl und ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel: Nicht mehr die Frage „WAS will ich werden?“ sei entscheidend, sondern in Zeiten von Patchwork-Laufbahnen vielmehr die Frage „WER will ich werden?“.
    veröffentlicht am 28. Oktober 2016
    >> Artikel auf ZON
  • Was zwei Jahre an der Uni mit Studenten machen von Juri Gottschall
    2014 haben sie mit dem Studium begonnen. Seitdem haben wir sie jedes Jahr gefragt, was aus ihren Wünschen und Plänen geworden ist.
    Sechs Mehr-oder-weniger-Studierende erzählen also, wie es so ist mit dem Studierenden sein … aus der Innensicht. Das ist zum Teil wie ein Autounfall: schlimm, aber man kann nicht weggucken. Im Ernst: viel Schatten, sehr viel. Und der „Artikel“ bietet keinerlei Reflexion, sondern eben nur die O-Töne. Wenn dann bei einem*r eher ein „läuft“ steht, ist es der akademische Duktus des Elternhauses, der trägt. Trotzdem lesenswert für unsereins, die für dereneins planen.
    veröffentlicht am 31. Oktober 2016 auf jetzt.de
    >> „Artikel“ auf jetzt
  • Design: Wir entwerfen, also sind wir von Felix Stephan
    Schon gehört? Politik heißt jetzt Design. In seinem neuen Buch erklärt Friedrich von Borries, wie Gestaltung den Menschen aus der Unmündigkeit führt.
    Rezension des Buches „Weltentwerfen“ des Designprofs und Autors Friedrich von Borries … denke der Artikel ist ein Muss_man_gelesen_haben (unabhängig vom Buch), liest man dort doch Dinge wie wird in den Galerien und Innenstadt-Cafés aller Voraussicht nach bald Friedrich von Borries‘ politische Designtheorie herumgereicht. Da wird eine Welle auf uns Designtheoretiker und -lehrer zurollen.
    veröffentlicht am 1. November 2016
    >> Artikel auf ZON
  • Wissenschaftliche Durchbrüche: Die Mär von der genialen Jugend von Martin Pfaffenzeller
    Alte Koryphäe oder junger Einstein: Forscher haben untersucht, in welchem Alter Wissenschaftlern am ehesten bahnbrechende Veröffentlichungen gelingen. Das Ergebnis verblüfft.
    Es gibt leider weder zur Designpraxis, noch zur Designlehre (oder analog Kunst) ähnliche Untersuchungen, welche verlässlich wären … daher dieser Artikel zur allgemeinen Wissenschaft. Trotzdem lesenswert und über Analogien oder Zutreffendes zur Disziplin Design wird jeder Leser schnell seine eigenen Assoziationen haben. Auch zum Berufensein als Lehrer.
    >> Artikel auf SPON
    Quantifying the evolution of individual scientific impact von Roberta Sinatra, Dashun Wang, Pierre Deville, Chaoming Song, Albert-László Barabási
    Originalartikel erschienen in Science4. November 2016; Vol. 354, Issue 6312, DOI: 10.1126/science.aaf5239
    >> Abstract on science.de
  • Sozialer Aufstieg: Vorfahrt für alle von Sebastian Gallander
    Was man von der Verkehrspolitik lernen kann, um die soziale Kluft zu überbrücken.
    Ein kurzer Weckruf mit einem bildungspolitischen Vorschlag zu einem Thema, das alle Lehrenden angeht: der Chancengleichheit!
    Kurzer Gedankensprung: haben wir uns die letzten Jahre in der Designausbildung darüber Gedanken gemacht, wie wir der sozialen Spaltung entgegenarbeiten? Was tun wir dafür die Schichtungen nicht stärker werden zu lassen, respektive jungen Menschen aus unteren sozialen Schichten und anderen kulturellen Milieus den Zugang zu unserem Beruf zu ermöglichen? Warum das wichtig ist? It’s the culture, stupid!
    veröffentlicht in DIE ZEIT Nr. 47/2016, 10. November 2016
    >> Artikel auf ZON
  • DFG-Präsident Peter Strohschneider: „Die grosse Debatte findet nicht statt“ Interview von Manuel J. Hartung
    Warum fehlt den Universitäten die visionäre Idee? Ein Gespräch mit dem DFG-Präsidenten Peter Strohschneider
    Im Kern geht es um die Exzellenzinitiative und Elitenbildung. Auch wir Designer haben es versäumt eine Debatte um Elitenbildung und Massenausbildung zum Beruf im Kontext der stark gestiegenen Studierendenzahlen zu führen. Aber auch dieses Gespräch zeigt mehr das Missen, als das Machen.
    veröffentlicht in DIE ZEIT Nr. 48/2016, vom 17.November 2016
    >> Interview auf ZON
  • Den folgenden Artikel um die Diskussion um die Promotion im Design nochmal zu befeuern:
    Promotion: Passt der Doktorhut zur Fachhochschule? von Boris Rhein und Bernhard Kempen
    Das täte der Forschung gut, sagt Hessens Minister für Wissenschaft. Die FHs sind die Verlierer, sagt der Präsident des Hochschulverbandes. Hier erklären sie ihre Gründe.
    Und wegen dieses Satzes:
    Universitäten und Fachhochschulen haben darin verschiedene, sich ergänzende Aufgaben: Die einen kümmern sich um Grundlagenforschung und Ausbildung durch Wissenschaft; die anderen um eine anwendungsorientierte und praxisnahe Ausbildung.
    Könnten wir da drüber mal analog im Design diskutieren? Aufgabe der Universitäten, Kunsthochschulen und Fachhochschulen / Hochschulen für Angewandte Wissenschaften? Während wir im Design langsam begreifen, dass bei einer Gesellschaft, in der knapp die Hälfte der Jahrgänge das Studium als Berufsausbildung wählen, die Gleichmacherei im BA nicht mehr taugt, wir verunsichert ob des MAs an FHs sind, schleift Hessens Minister für Wissenschaft Boris Rhein im Text die noch bestehenden Unterschiede für die post-MA-Phase des Werdegangs.
    veröffentlicht in DIE ZEIT Nr. 48/2016, vom 17.November 2016
    >> Artikel auf ZEIT Campus
  • Studienabbrecher: Das darf doch nicht wahr sein! von Jan-Martin Wiarda
    An Fachhochschulen steigt die Zahl der Studienabbrecher dramatisch. Eine bislang unveröffentlichte Studie nennt Gründe.
    Schlußsatz:
    Die Abbrecherstudie wird Debatten auslösen. Sie muss nun offiziell veröffentlicht werden, damit die Forscher sie frei kommentieren können. Einen Termin dafür kann das BMBF indes nicht nennen.
    Wie ist es im Design? Abbrecherquoten? Oder leben wir noch auf Wolke 7, weil junge Menschen, die die künstlerische Eignungsprüfung überstehen müssen, wirklich geeignet sind?
    veröffentlicht in DIE ZEIT Nr. 50/2016, vom 1. Dezember 2016, online am 15. Dezember 2016
    >> Artikel auf ZON
  • Abiturienten: Es werden immer mehr! ein Gastbeitrag von Ties Rabe, Schulsenator Hamburg
    Die Zahl der Abiturienten wächst, die der Studenten auch. Was bedeutet das für Schule und Studium? Vor einer neuen Bildungskatastrophe muss sich niemand fürchten, sagt Hamburgs Schulsenator Ties Rabe.
    Aktuell wird ja mal wider der Untergang des deutschen Bildungssystems in den Medien zelebriert … diesmal wegen zu vielen Studierenden, das letzte Mal (Pisaschock vor 15 Jahren, wir erinnern uns?) und seit dem immer wider wegen zu wenigen. Hier mal ein anderer Beitrag, der zum Ziel hat die Diskussion auf die Füße zu stellen und zu versachlichen. Die echten Probleme des Bildungssystems werden aber nur gestreift (Stichpunkt Wandel der Arbeitswelt …) und die echten Probleme mit der Masse der Studierenden nicht angesprochen: wer den Mahnern Elitedenken vorwirft, sollte sich schon mit der Frage auseinandersetzen, wo die Elite der Gesellschaft denn herkommen soll. Und ich persönlich habe kein Problem mit Studierenden, die angeblich keinen Dreisatz und keine Grammatik können. Ich persönlich habe Probleme mit Studierenden, die nicht denken (können oder wollen, wer weiß?).
    veröffentlicht in DIE ZEIT Nr. 51/2016, vom 8. Dezember 2016, online am 22. Dezember 2016, editiert am 28. Dezember 2016
    >> Artikel auf ZON
  • Und hier noch ein Artikel zum Jahresabschluß, der einen Trend beschreibt, der so im Design schon immer existierte: die Abkehr von Noten.
    Wert von Zeugnissen: Schlechte Noten? Kein Problem! von Nadine Bös und Oliver Schmale
    Zeugnisse und Examen sind nicht alles: Einige Unternehmen schauen kaum noch hin – und eine Branche hat sich von der Notenhörigkeit fast schon komplett verabschiedet.
    Ja nun, die Branche der Kultur- und Kreativwirtschaft kommt nicht vor, aber es ist schon interessant, dass nun auch andere Branchen, allen voran die IT, die Aussagekraft von Zeugnisnoten relativieren. Im Design war vor dem Studium immer schon die Eignungsprüfung und vor dem Job die Mappe: Test der individuellen Kompetenz, statt Verlass auf generalisierte Bewertung.
    veröffentlicht am 20. Dezember 2016
    >> Artikel auf FAZ.NET
Philip Zerweck

Philip Zerweck

Autor, Produktentwickler, Designlehrer und Designwissenschaftler

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