Gedanken zum Kern der Gestaltungsausbildung

What’s the core of … wird man allenthalben in den Staaten zur eigenen Unternehmung gefragt. Nun denn, so gebe ich eine Antwort zu meiner Designlehre.

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Dieses sogenannte Gelassenheitsgebet, vermutlich von Reinhold Niebuhr, geht auf einen tiefen geisteswissenschaftlichen Hintergrund zurück, der u.a. bei Wikipadia gut nachzulesen ist. Es finden sich Bezüge zu Stoikern, jüdischer Philosophie, indisch, buddhistischen Lehren usw. . Die Bedeutung der Sätze ist nicht an einen Glauben gebunden, sondern liegen in der Aussage des Sprechers, der sich die Sätze zu eigen macht. Denken wir uns den Angerufenen weg und begreifen die Worte als Sentenz eines Designstudierenden.

Dann steht der Wunsch nach Kompetenz und Befähigung in dreierlei Hinsicht: Entscheiden, was zukünftig änderbar ist, Änderungen herbei zu führen, sowie am Unveränderlichen nicht zu verzweifeln.

Es steht hier also weniger die Gelassenheit im Vordergrund, sondern der Handlungs– und Verantwortungsappell, den sich der Sprecher zu Eigen macht.

Nun, was ist hier mit der Kern der Gestaltungsausbildung gemeint?

Aus vielerlei Herleitungen gelangt man zur Aufgabe des Design, Zukünftiges zu bearbeiten. Rittel führte hier den Begriff der „deontischen Fragestellung“ ein. Design sei die Aufgabe die Fragen nach „Was soll sein?“ zu beantworten. Meine eigene Lehrerfahrung sagt nun, dass die vielfältigen Kompetenzen, die Gestalter (jeder Couleur) benötigen, um in ihrem Feld deontische Fragen zu beantworten, mit einer Kernkompetenz steht oder fällt.

Nehmen wir als gegeben an, das ein Gestalter überhaupt die Frage nach dem „Was soll sein?“ beantworten will.*  So ergibt sich hieraus immer die Frage nach dem Gestaltungsspielraum. Da dieser beschreibt, in wie weit die zukünftigen Lösungen bereits für einen zukünftigen Zeitpunkt determiniert sind, gibt es zu diesem Spielraum keine gültigen, beweisbaren Angaben. Der Gestaltungsspielraum erweist sich so als fraktale Umschreibung der eigentlichen Gestaltungsaufgabe, weswegen man diese ja auch gerne als „wicked“ (also gnomenhaft, verzwickt, gar bösartig) umschreibt. Es ist aber ein Unterschied, ob jemand direkt an einer Lösung puzzled, oder begreift, die implizit oder auch explizit vorgegebenen Rahmenbedingungen** im Sinne von unveränderlichen Determinanten der Lösung bewusst*** in Frage zu stellen. Die bewusste Auseinandersetzung darüber, was an der Zukunft denn nicht determiniert ist, stellt einen gestalterischen Akt dar, welcher jede Beantwortung des „Was soll sein?“ fundiert.

Das ist also der Kern jeder Gestaltungsausbildung: den sich bemühenden Menschen (vulgo Studierenden) zu befähigen und zu ermuntern, der Frage nach dem, was zu ändern ist und was nicht, nachzugehen und das was als veränderbar erkannt wird auch verändern zu wollen.

Ich lege in meiner Lehre immer einen großen Wert darauf diesen Themenkomplex – gerade auch theoretisch – zu beleuchten und empfehle jedem die Lektüre „Sachzwänge – Ausrede für Entscheidungsmüde“ von Horst Rittel.****

* Möchte er nur nach Ansage behübschen, so suche er sich einen anderen Beruf!
** Ich nehme hier die Perspektive der Lösung ein, welche quasi aus dem Lösungsraum nach draussen, auf die Grenzen sieht. Daher die an den Rahmenbedingungen zweifelnde, die quasi öffnende Frage. Selbstverständlich gilt die Fragestellung der Grenzziehung des Lösungsraumes auch für die umgekehrte Perspektive, also für die Suche nach (noch) nicht bekannten Rahmenbedingungen, also die einengende Frage. Aus der Erfahrung zeigt sich jedoch, dass schlechte Gestaltungslösungen weit seltener an der Missachtung von Determinanten leiden. Und wenn, dann werden meist einfache und billige Determinanten, wie materielle, fertigungstechnische oder ökonomische missachtet: also solche Determinanten, für die es in jeder Unternehmung vielfältige Advokaten gibt. Schlechte Gestaltungslösungen und gerade auch solche, die Firmen viel Geld kosten, kranken fast immer an zu engen Gestaltungsräumen bzw. an Scheindeterminanten struktureller, sozialer und visionärer Natur. Trotzdem beinhaltet die Grenzziehung selbstverständlich nicht nur, was an der Zukunft denn nicht determiniert ist, sondern sehr bewusst auch, was als determiniert angenommen wird.
*** Ich schreibe hier bewusst, denn häufig trifft man im gestalterisch, künstlerischen Umfeld auf unbewusste und unreflektierte Grenzüberschreitungen, welche aber keinen konstruktiven Beitrag zur Frage der Grenze liefert: drüber ist halt drüber, so what?
**** Erschienen in: Planen, Entwerfen, Design : ausgewählte Schriften zu Theorie und Methodik / Horst W. J. Rittel. Hrsg. von Wolf D. Reuter; Kohlhammer, 1992; ISBN 3-17-012358-0 >> Neuauflage: Thinking design : transdisziplinäre Konzepte für Planer und Entwerfer / Horst W. J. Rittel. Neu hrsg. von Wolf D. Reuter und Wolfgang Jonas. [Board of International Research in Design]; Berlin: Birkhäuser, 2013, ISBN 978-3-03821-450-2 >>

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Philip Zerweck

Philip Zerweck

Autor, Produktentwickler, Designlehrer und Designwissenschaftler

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